Analysen zum Arzneimittelverbrauch

Das WIdO analysiert regelmäßig Entwicklungen beim Arzneimittelverbrauch. Die Ergebnisse der Analysen und die dafür erforderlichen methodischen Grundlagen und Klassifikationen veröffentlicht das Institut in unterschiedlichen Publikationen.

Risikoreiche Fluorchinolone in Deutschland

Seit Jahren wird weltweit berichtet, dass Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone mit erhöhten Risiken für die Patienten verbunden sind. Gerade diese Antibiotika werden in Deutschland im Vergleich sehr häufig verordnet. Erstmals konnten nun, basierend auf Studienergebnissen, die zusätzlichen Risiken dieser Arzneimittel im Vergleich zu anderen Antibiotika abgeschätzt werden: Für die 3,3 Millionen im Jahr 2018 mit Fluorchinolonen behandelten Patienten in Deutschland ist damit zu rechnen, dass mehr als 40.000 Patienten von Nebenwirkungen wie einer Schädigung des Nervensystems, einem Sehnenriss oder einer Schädigung der Hauptschlagader betroffen waren. In Deutschland wird noch immer zu häufig mit dieser Gruppe der Reserveantibiotika behandelt, da für viele Indikationen gut wirksame, aber risikoärmere Substanzen zur Verfügung stehen. Pharmazeutische Hersteller sollten von betroffenen Patienten stärker in die Verantwortung für ihre Produkte genommen werden können.

Antibiotikaverbrauch

Der Antibiotikaverbrauch in Deutschland ist insgesamt seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau. Zwischen den Wirkstoffgruppen der Antibiotika gibt es aber Verschiebungen. Auch variiert der Verbrauch zwischen den Regionen.

So zeigen Untersuchungen des WIdO, die im GERMAP-Bericht erschienen sind, dass es 2014 nahezu 45 Millionen Antibiotikaverordnungen mit 448 Millionen DDD und einem Umsatz von 920 Millionen Euro im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung gab. In dieser Analyse ist auch der Verbrauch von lokal angewendeten Antibiotika berücksichtigt worden. Die Verordnungsdichte betrug 17,4 DDD pro 1.000 Versicherte und Tag. In den westlichen Regionen (alte Bundesländer) verordneten Ärzte mehr Antibiotika als in den fünf östlichen Bundesländern. Die Verordnungsdichte schwankt dabei von 12,2 DDD/1.000/Tag in Brandenburg bis 19,2 DDD/1.000/Tag in Nordrhein-Westfalen.

Fast die Hälfte (46 Prozent) der verordneten Tagesdosen für Antibiotika entfallen in Deutschland auf Hausärzte. Hausärztlich tätige Internisten, Kinderärzte und Zahnärzte folgten an zweiter, dritter und vierter Stelle. Dabei zeigen verschiedene Fachgruppen unterschiedliche Schwerpunkte bei der Wirkstoffauswahl. So entfielen in den hausärztlichen Praxen 45 Prozent aller verordneten Tagesdosen auf Penicilline und Oralcephalosporine. Das höchste Antibiotikaverordnungsvolumen (nach Tagesdosen) pro Arzt zeigten HNO-Ärzte und Kinderärzte, gefolgt von Urologen, Hautärzten und Hausärzten. Bezogen auf Tagesdosen bekamen kleine Kinder unter fünf Jahren und ältere Menschen über 80 Jahre Antibiotika häufiger verschrieben als andere Altersgruppen.

Verordnung von Reserveantibiotika

Ärzte verordnen immer häufiger Reserveantibiotika, obwohl diese als Mittel der zweiten Wahl nach Versagen eines Standardtherapeutikums gelten. So zeigen Analysen des WIdO, dass nach DDD zwar Amoxicillin das meistverordnete Antibiotikum ist. An zweiter Stelle folgt aber bereits das Reserveantibiotikum Cefuroxim(axetil), obwohl die Substanz in keiner deutschen Behandlungsleitlinie Mittel der Wahl ist.

Ein ungerechtfertigter Einsatz von Reserveantibiotika kann die Resistenzbildung bei Bakterien beschleunigen und zur Ausbildung multiresistenter Keime beitragen. Angesichts der bereits heute steigenden Resistenzen gilt daher die goldene Regel bei der Verschreibung von Antibiotika: so wenig wie nötig und so gezielt wie möglich. Nur so kann verhindert werden, dass die hohe Wirksamkeit eines antibiotischen Wirkstoffs für die Zukunft leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.

Arzneimittelverbrauch nach Alter und Geschlecht sowie nach Arztgruppen

Das Alter der Patientinnen und Patienten besitzt einen wesentlichen Einfluss auf die Morbidität und somit auch auf den Arzneimittelverbrauch. Der Einfluss des Geschlechts auf die Medikation ist ebenfalls seit langem belegt. So erfordern einige Analysen die Berücksichtigung dieser Faktoren, um eine Interpretation der Daten zu ermöglichen.

Der Arzneimittelverbrauch hängt auch maßgeblich vom Verordnungsverhalten der Ärzte ab. Aus diesem Grund analysiert das WIdO den Arzneimittelverbrauch auch nach Fachgruppen der verordnenden Ärzte. Die Auswertungen basieren auf den Verordnungsdaten aus der Arzneimittelabrechnung.

Das wissenschaftliche Team des GKV-Arzneimittelindex untersucht den Arzneimittelverbrauch nach Alter und Geschlecht der Versicherten sowie nach verordnenden Facharztgruppen. 

Die Ergebnisse finden sich als tabellarische Übersichten mit umfangreichen Erläuterungen in der ergänzenden Publikation zum Marktbericht 2020 "GKV-Arzneimittelmarkt - Klassifikationen, Methodik und Ergebnisse des Jahres 2019".